Interessantes

Auf dieser Seite soll Raum für interessante Informationen sein, die das Chorwesen betreffen:

 

Folgende Artikel finden Sie im folgenden:

- Das war schon immer so ... (07.09.2005)

- Mahnruf aus dem Land der Lieder (13.04.2005)

- Tipps im Umgang mit Neulingen (08.04.2005)

- Fragen zur Zukunft der Laienchöre (08.04.2005)

- Chorgesang braucht frisches Blut

- Musik als Therapie kann helfen

- Förderung des Singens

- Hauptsache MUSIK

- Situation und Probleme der Gesangvereine

- Nein, nicht schon wieder Englisch ...

- Bundespräsident Rau lobt Bildung aller Sinne

- Die Zukunft der Gesangvereine

- Singen ist genauso gesund wie Meditation oder leichter Sport

 

 

"Das war schon immer so ..."

Randnotizen zum 2. Tag der Männerstimme des Schwäbischen Sängerbundes (veröffentlicht in "Neue Chorzeit" - September 2007

Tag der Männerstimme in Ehingen, ausgerichtet vom Schwäbischen Sängerbund (SSB) Mitte März diesen Jahres - der Anlass ist klar: Man sucht Auswege aus der Misere der Männerchöre. Schleichend und scheinbar unaufhaltsam siechen sie dahin, seit mehr als vier Jahrzehnten. Ebenso lang dauert ihr Bemühen, diesem Verfall zu begegnen. Die Ursachen sind eindeutig: Die Gesellschaft unterliegt einem permanenten Wandel. Wer sich diesem Wandel verweigert, verschwindet, wer ihn mitgeht, muss sich permanent verändern. Doch hier setzt die Blockade ein, weil man glaubt, nun alles Bewährte über den Haufen zu kehren und ausschließlich modischen Strömungen den Vortritt zu lassen, um zu überleben. Ein Irrglaube.

Blicken wir in die Analen "hochbetagter" Chöre. Keiner dieser mehr als 100 Jahre existierenden Vereine besitzt heute noch seine ursprüngliche Struktur. Sie schlossen sich zusammen, splitterten sich ab, teilten sich, erweiterten ihren Kreis oder wechselten in eine andere Chorgattung, ja nach Zeit und Umständen, weil ein Ziel oberste Priorität besaß: das Singen in Gemeinschaft. Darin begründete sich ihre Tradition.

Doch hier setzt die nächste Blockade ein. Tradition verstehen viele der ihr so verhafteten Vereine als etwas Unantastbares, Unverrückbares. Ein Dilemma, das auf die weit verbreitete Auffassung von Tradition als unveränderbare Überlieferung von einmal formulierten Vorstellungen und Formen hinweist. Dafür steht der Paradesatz "Das war schon immer so ...". Tatsächlich bedeutet Tradition vor allem bewahren, hochhalten, aber auch fortsetzen und etwas, das von Generation zu Generation entwickelt und weitergegeben wir und weiterhin Bestand hat.

Bestand hat weiterhin das Singen. Bestand haben aber auch die vielfältigen Formen der Sing-Betätigung, die aus einem permanenten Wandel heraus entstehen: sei es der Männerchorverein, der sein Pforten für Frauenchor oder Kinder- und Jugendchor öffnet, sei es umfangreiches und vielfältiges Liedgut von den Anfängen bis zur Moderne, sei es die Auftrittsform von der klassischen Präsentation bis hin zu bewegten Chor, sei es die Programmgestaltung vom moderierten Potpourri bis zum programmatisch durchdachten Konzept, sei es die Präsentation nach Außen wie nach Innen im Wandel der Moden und Kommunikationsinstrumente. Sowie sich nur einer dieser verschiedenen Aspekte bewährt hat und damit zur festen Gewohnheit geworden ist, wird dies zur neuen Tradition des Chores. Vor diesem Hintergrund wird klar, was der Politologe und Publizist Richard Löwenthal meinte, als er sagte, "Werte kann man nur durch Veränderung bewahren". Klar ist damit aber auch, dass im Augenblick, da Gewohntes zur Tradition wird, die Bereitschaft zur Veränderung weiter bestehen muss. Darin liegt die grundsätzliche Herausforderung eines jeden Engagierten im Chor: Veränderungen auf Dauer zu wagen.

Es wagen, neuen Ideen aufzunehmen, die Bereitschaft zu entwickeln für Strukturveränderungen, wie sie die mehr als hundertjährige Vereine vorleben, darauf richtet der SSB das Augenmerk seiner Teilnehmer beim Tag der Männerstimmen. 200 Männer machten sich auf, schnupperten in Chorprojekten zeitgenössische, klassische und gezielt deutschsprachige Literatur, begegnen Silcher, tauchen ein in gregorianische Gesänge, informierten sich über Nachwuchsarbeit und Ausbildung der eigenen Stimme bis ins hohe Alter und erlebten in ausgewählten Konzertdarbietungen die Vielfalt von Männerchorformatonen: auf dem öffentlichen Platz der Männerchor mit langer Geschichte, der sich mutig und begeistert neues Liedgut erschließt, im Saal handverlesene Sänger, die sich mit Leidenschaft unterschiedlichen Stilen und Darbietungsformen verschrieben haben. Sie alle bewegen sich in der Tradition des Singens und haben sich individuell weiterentwickelt, weg vom Üblichen, Eingefahrenen, hin zu neuen Gewohnheiten.

Darin liegt die Zukunft eines jeden Chore. Impulse und Beispiele auf dem Weg dahin bot der Tag der Männerstimmen viele. "Aber", so Alfons Scheirle, Bundeschormeister des SSB, "wir können nicht in das Eigenleben eines jeden Chores eingreifen, ihm nicht seine Pflichten und Ziele abnehmen." So sind nun zur Umsetzung an der Basis von jedem einzelnen Chormitglied, Vorsitzenden und Chorleiter viel Geduld und Offenheit gefordert, oder, um es mit Giuseppe Tomasi di Lampdusas Worten zu unterstreichen, eine grundsätzliche Haltung: "Wenn wir wollen, dass alles so bleibt, wie es ist, müssen wir zulassen, dass sich alles verändert."

(Christiane Franke)

 

Mahnruf aus dem Land der Lieder: ( „Das Volk verstummt ...")

Eine Analyse aus dem Feuilleton der FAZ macht öffentlich, was Chorleute längst beklagen und bekämpfen:

„Deutsche Kinder singen nicht mehr.“ -  Eine Herkulesaufgabe wartet also auf den neuen ‚Deutschen Chorverband“

Unverdrossene Streiter für die künstlerische Ausdrucksform des Singens hatten am Montag, 14. Februar 2005 ihr Aha-Erlebnis. Endlich einmal ist ihr Rufen gehört worden. Und nicht nur das. Es fand angemessene Interpretation auf dem Olymp deutscher Kulturberichterstattung. Das Volk verstummt“ — so überschrieb d as Feuilleton der Frankfurter Allgemeine Zeitung auf Seite 33 einen Bericht, der per Unterzeile gleich noch einmal Aufmerksamkeit provozierte.

Groß wie der Pisa-Schock: Deutsche Kinder singen nicht mehr, war dort zu lesen. Stefan Klöckner, Professor für Gregorianik und Liturgie an der Esserer Folkwarg Hochschule für Musik, hat den ausführlichen Text verfasst. Im "Allgemeinen Cäcilienverband", der Dachorganisation der deutschen katholischen Kirchenmusik, kümmert er sich seit 2004 um den Bereich „Singen mit Kindern“ - Ein Fachmann also, dazu noch einer aus den selten in den Feuilletons gehörten Chorverbänden. Klockner berichtete aus Anlass eines Fachgesprächs, zu dem der Cäcilienverband und die Wolfenbütteler „Bundesakademie für kulturelle BiIdung“ eingeladen hatten, um Strategien gegen die 'Mangelerscheinung' zu entwickeln.

Thema: ‚Singen mit Kindern als Aufgabe der Kirchenmusik“

Den Ist-Zustand im Schatten des Pisa-Schocks‘ beklagt Klöckner in der FAZ so drastisch, dass nur dickfelligste Kultur- und Bildungspolitiker noch darüber hinweg lesen könnten.

Beispiele:

„Deutschland scheint nicht nur zu verdummen, es verstummt auch, zumindest was das Singen betrifft. Ob Los Angeles  Times oder Deutschlandfunk - weithin wird inzwischen beklagt, dass im Land der Lieder und der Musik schlechthin nicht mehr gesungen wird.“

Zuerst, folgert der Autor in der FAZ, komme es nun auf Aufklärung an: „Aufklärung über die kaum zu überschätzende Bedeutung des Singens mit Kindern für die Entwicklung ihrer Persönlichkeit.“

Chorleute im weitgrößten Chorverband DSB wissen nicht zuletzt aus „Lied & Chor“: Aktives Singen und Musizieren schärft Intelligenz, Sensibilität und soziale Fähigkeiten gleichermaßen. Man kann nicht früh genug beginnen mit dem Singen.

• Deshalb kümmern sich Fachleute zum Beispiel in Baden, Schwaben und NRW um Programme, die Eltern und Erziehern helfen, schon mit Kindern ab dem 18. Lebensmonat Singen einzuüben.

• Deshalb auch fördert der DSB das Singen in Kindergärten auf zweifache Weise: Wir zeichnen Kindergärten mit der bunten „Felix-Plakette aus, die tägliches und kindgerechtes Singen pflegen. Der Andrang ist groß, über 1500 Kindergärten sind inzwischen mit dem ersten und einzigen Qualitätssiegel dieser Art ausgezeichnet worden. Hinzu kommt: Bundesweit herrscht große Nachfrage nach den begleitenden Fortbildungsangeboten für Erzieher und Erzieherinnen, wo DSB-Fachleute aus den Kinderchören und die Fachleute aus den Kindergärten gemeinsam einüben, wie man Kindern das Singen mit Freude nahe bringt.

• Schritt drei wird gerade vorbereitet: Bald gibt es eigens ausgebildete „Felix-Berater, die Eltern und Kindergärten fortwährend begleiten bei der musikalischen Früherziehung.

Und wenn es dann in die Schule geht, stehen ebenfalls Fachleute aus dem DSB parat: Viele Chorleiter aus unseren Reihen wirken auch als halb- oder nebenamtliche Schulmusiker, andere kommen selbst as dem Beruf des Musikpädagogen. Chorleute machen inzwischen mit bei den Programmen der Offenen Ganztagsschule Schulchöre und Vereinschore kooperieren vielerorts, und in Baden-Württemberg ist solche Kooperation Programm der amtlichen Landespolitik.

Stefan Klöckner berichtet in der FAZ über gegenläufige gesellschaftliche Entwicklungen: In der Familie wird fast überhaupt nicht mehr gesungen, im Kindergarten begegnen die Kinder Erzieherinnen, die sich mit Makramee und Handpuppen auskennen, aber nicht singen können. In der Schule ist es dann fast schon zu spät, was aber deswegen niemand merkt, weil auch dort das Singen aus den Unterrichtsplänen fast völlig verschwunden ist und d e Fachkräfte fehlen. Hinzu kommt: Singen gilt heute als "unmännlich“ -  und „Musikerziehung von Kindern wird immer noch fast ausschließlich von Frauen getragen - obwohl Männer „als Vorbilder dringend gebraucht wurden“.

Stefan Klöckner warnt in der FAZ, die Frage der Sing-Förderung unter dem Aspekt der Nachwuchsforderung in Chören und Verbänden zu betrachten. Es gehe vielmehr um ein gesellschaftliches und kulturelles Hauptziel: „Es geht um das Kind heute, das den Wert dieser Arbeit ausmacht".

Wohin also soll der Weg führen? Klöckner analysiert: „In der Ausbildung muss die musikalische Arbeit mit Kindern einen viel größeren Raum einnehmen als bisher". Künftige Kirchenmusiker - entsprechend natürlich auch die übrigen Verantwortlichen in der Laienmusik - müssen danach „die Arbeit als substantielle musikalische und pädagogische Herausforderung begreifen, als Teil des erzieherischen und kulturellen Auftrags. Zugleich sollten die Musiker gerüstet sein für den Umgang und die Schulung mit musikalischen Laien, die mit Kindern singen wollen - und es schlicht nicht können.

Peter Lamprecht

Kommentar:

Klarsichtiger als FAZ-Autor und Kirchenmusiker Stefan Klöckner hat selten jemand die Aufgaben beschrieben, die sich gerade auch vor dem künftigen „Deutschen Chorverband“ als kopfstärkster Organisation der singenden Laien türmen.

Es geht darum, dem Singen eine Schneise zu schlagen in ein Dickicht ebenso verfehlter vie verfilzter Bildungsgewohnheiten. Dies ist eine Grundlage unserer kulturellen Zukunft. Erfolg oder Misserfolg dieser Bemühungen entscheiden mit darüber, wie harmonisch sich die Gesellschaft der Zukunft entwickeln kann.

Deutlich wird allerdings auch: Selbst der neu gestärkte Deutsche Chorverband und die Deutsche Chorjugend in seinen Reihen allein bleiben zu schwach, um die Herkulesaufgabe zu stemmen. Wir müssen wieder politisch werden wie einst die Begründer der revolutionären Chorbewegung. Politisch werden meint: Mehrheiten bilden, Bündnisse schmieden, Oder Netzwerke, wie es heute heißt Verbandsgrenzen und Funktionärsegoismen dürfen keine Rolle spielen, wo es darum geht, dem Singen eine Zukunft zu verschaffen Wer denn, wenn nicht der unbelastet neue „Deutsche Chorverband“ sollte da den ersten Schritt tun?

 

 

Tipps im Umgang mit Neulingen

Stellen Sie sich vor, sie sind Jugendlicher, so 14 - 16 Jahre uns singen so gerne, das sie sich gerne einem Gesangverein anschließen möchten. Sie hatten noch nie mit einem Gesangverein etwas am Hut, aber ein Freund (oder auch Nachbar, Verwandter) überredet Sie mit in die Singstunde zu kommen. Sie gehen also mit und wollen sich das Ganze anschauen.

Man sagt ihnen, sie sollten sich mal in eine Stimme setzten und drückt ihnen die Noten in die Hand. Natürlich muss es ein Platz sein, der einem "Neuen" gebührt. Auf alle Fälle auf keinen Stammplatz eines "alteingesessenen" Sängers. So landen Sie entweder ganz vorne oder in der letzten Reihe. Lauter fremde Leute sitzen da, die nun neugierig fragen. "Wer bist denn du?" oder "Wem gehörst du denn?". Naja, man will nicht unhöflich sein und gibt bereitwillig Antwort.

Der Dirigent kommt herein und fängt gleich mit dem Chor zu singen an. Sie schauen ihr Notenblatt an und sehen nur Hyroglyphen. Lauter Punkte auf geraden Linien, komische Zeichen und dann ist da auch noch Text, drüber und drunter. Große Fragezeichen kommen auf, sie wissen nicht was los ist. Bis sie ein bisschen Orientierung gefunden haben, was gerade gesunden wird, ist das Lied vorbei und ein anderes wieder ausgepackt. Derselbe Trott von vorn.

Bei so einer Situation kommt man sich schnell verloren vor und die Unlust steigt, da überhaupt noch einmal hinzugehen.

Eine Situation, wie es in vielen Vereinen vorkommt. Das sich auch diejenigen, die sich dann beklagen, dass keine Jugendlichen in den Verein kommen wollen, geschweige denn bleiben, wenn sie den ersten Schritt schon einmal gemacht haben.

Das kann auch ganz anders ablaufen: Also noch mal vorn vorn !

Stellen Sie sich vor, sie sind Jugendlicher, so 14 - 16 Jahre uns singen so gerne, das sie sich gerne einem Gesangverein anschließen möchten. Sie hatten noch nie mit einem Gesangverein etwas am Hut, aber ein Freund (oder auch Nachbar, Verwandter) überredet Sie mit in die Singstunde zu kommen. Sie gehen also mit und wollen sich das Ganze anschauen.

Man stellt sie dem Vorsitzenden vor und spendiert ihnen (vielleicht) einen "Willkommenstrunk". Als der Dirigent eintrifft, werden sie auch ihm vorgestellt. Er macht dann, natürlich noch vor der Singstunde, ein paar gesangliche Übungen, um festzustellen, welche Stimmlage sie singen. Man stellt fest, sie kommen hoch nach oben und weist ihnen einen Platz im 1. Tenor zu. Mittendrin, dass sei die anderen Stimmen beim orientieren nicht stören.

Ihr Stuhlnachbar, der schon länger im Chor singt und sich auch stimmsicher ist, stellt sich vor und weist sie ein kleines bisschen in die "Rituale" des Chors ein. Er ist auch derjenige, der ihnen hilft, sich in dem Wirrwar der Noten, die sie in die Hand bekommen haben, zurecht zu finden. Er erklärt ihnen, was die vielen Zeichen bedeuten, in welcher der vielen Zeilen gesungen und wann Pause gemacht und umgeblättert wird.

Der "Engel" oder auch "Pate" hilft ihnen sich in der neuen Welt zurecht zu finden. Er singt ihnen ins Ohr, damit sie die Töne besser bekommen können und er kümmert sich nicht nur während, sondern auch nach der Singstunde um sie. Am Ende der Singstunde werden sie dem Gesamtchor vorgestellt und bekommen sogar ein Ständchen gesungen.

Da bekommt man doch glatt das Gefühl, dass man willkommen ist. Man fühlt sich geborgen und gut aufgehoben. Das macht Spaß, da geht man das nächste Mal wieder hin. Wenn man sich wohl fühlt, will man auch andere daran teilhaben lassen und sie erzählten ihre Erlebnisse weiter. Vielleicht kommt dann der ein oder andere aus ihrer Clique auch mal mit und hat genauso viel Spaß.

Tja und vielleicht schlummern in ihnen Talente und sie können sich in den Verein mit viel Tatkraft und Engagement einbringen - als Begleitpianist für den Vizedirigenten, als Verantwortungsübernehmender in der Vorstandschaft, in der Theatergruppe als Schauspieler oder in anderen nützlichen Posten ....

Um es mit Forrest Gump zu sagen: "Das Leben ist wie ein Schachtel Pralinen - man weiß nie, was man kriegt."

Rolf Köster

in der "Badischen Sängerzeitung" vom Januar 2005

 

 

Fragen zur Zukunft der Laienchöre

von Frank Sittel

Der Frage nach Aufgabe, Ziel und Zukunft eines Laienchores widmete sich die Frank Sittel, engagierter Chorleiter mehrerer Laienensembles in Hessen und Rheinland-Pfalz.

Dem Musizieren mit Laienchören, so Sittel, sei ohne jeden Zweifel eine deutlich markierte Grenze gesetzt. Man kann sie nicht nach jenen Maßstäben messen, die an die aus Berufssängern bestehenden Ensembles angelegt werden müssen. Aus dieser Tatsache die Rechtfertigung dafür abzuleiten, sich mit dem Allereinfachsten, Primitivsten und Anspruchlosesten zufrieden zu geben, wäre jedoch genau so verfehlt, wie die hybride Forderung zu stellen, in einen echten Konkurrenzkampf mit dem Berufssängertum einzutreten.

Einerseits ist mit Freude und Genugtuung eine künstlerische Leistungssteigerung vieler Gesangvereine in den vergangenen Jahren festzustellen, andererseits geht aber nicht nur das Gespenst des wirtschaftlichen Ruins, sondern auch das einer zunehmenden Überalterung einher. Der Preis, der beispielsweise oft für die Steigerung des allgemeinen Niveaus gezahlt werden muss, sind die permanent ansteigenden Unkosten, beispielsweise die immer höheren Summen zustrebenden Honorare der Dirigenten. Die Kosten allein durch Mitgliedsbeiträge hereinzuholen, wäre eine unzumutbare Überstrapazierung sangesbrüderlichen Idealismus. Angesichts dieses Dilemmas und der zunehmenden Überalterung sollten Kommunen und Staat sich dazu entschließen, kräftiger als bisher diesen musischen Vereinigungen unter die Arme zu greifen und diesen bedeutsamen Zweig der Jugend- und Erwachsenenbildung besser honorieren. Die Kirchen geben vielfach ein von Weitsicht zeugendes Beispiel fortschrittlicher Einstellung: sie fördern nicht nur unter Einsatz beträchtlicher finanzieller Mittel junge Talente an der Orgel und in der Leitung von Kirchenchören, sondern unterstützen durch regelmäßige Zuwendungen auch die Kirchengemeinden bei der Bezahlung ihrer Organisten und Kirchenchordirigenten. Diesem Beispiel sollten Kommunen und Staat folgen und wenigstens ein größeres des kleineren Stückes des großen Finanzkuchens den Laienchören zukommen lassen.

In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass zahlreichen Sängerkreisen seit Jahrzehnten geeignete Räumlichkeiten zur Unterbringung eines Archivs und der Durchführung von Sitzungen, Seminaren sowie für die Fortbildung seiner vielseitigen und kompetenten Arbeit im Bereich der Kultur, insbesondere dem des Chorgesangs fehlen. Auch sind eigene Instrumente nicht vorhanden.

Auch regt Sittel an, öfter als bisher, Seminare für Chorleiter, Chorsänger und Interessenten in den Sängerkreisen durchzuführen. Der Inhalt der Seminare soll sich vor allem mit der Frage der Qualität der Chorliteratur für Laienchöre (Gesangvereine) beschäftigen. Dabei müsse auch die Problematik der Minderbesetzungen bei den traditionellen Gesangvereinen berücksichtigt werden. Es sei allgemein festzustellen, dass die Auswahl eine andere, aber – was die Qualität anbelangt – oftmals keine bessere geworden sei.

 

 

Kommentar "Stimmung fürs Singen erzeugen"

(bitte klicken)

 

 

Musik als Therapie kann heilen helfen

Schon zu biblischen Zeiten bekannt / Ergänzung der Schulmedizin / "Keine Selbsttherapie"

Die heilsame Wirkung von Musik ist seit biblischen Zeiten bekannt. Schon David, so berichtet das Alte Testament, vertrieb mit seinem Harfen- spiel die Schwermut des König Saul. Auch altgriechische Quellen erwähnen die heilen- de Wirkung der Musik. In der Musiktherapie wird diese Wirkung auch heute noch genutzt. Musiktherapie ist ein psychotherapeutisches Verfahren, das sich allerdings nicht als Konkurrenz zur Schulmedizin sieht, sondern als alternative Ergänzung. 
von Eva Dorothäe Schmid 

Musik ruft Emotionen hervor, beruhigt, tröstet und kann dadurch das Verhalten verändern, einen Heilungsprozess fördern, die Schmerztoleranz steigern und Ängste abbauen. Auch die Biochemie des Körpers lässt sich damit verändern. Studien zeigen, dass durch wohlklingende Musik vermehrt so genannte Endorphine freigesetzt werden. Bessere Laune und eine geringere Schmerzempfindlichkeit sind die Folge.  „Man kann jedoch nicht sagen, dass eine bestimmte Musik bei allen Menschen gleich wirkt", gibt Yolanda Bertolaso zu bedenken, Geschäftsführerin der Akademie für Musik- und Tanztherapie in Münster. Viele fänden zum Beispiel Streichquartette von Haydn klasse, ihr sträubten sich dabei jedoch die Nackenhaare. Auch Franz Mecklenbeck, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Musiktherapie in Berlin und Diplom-Musiktherapeut in Düsseldorf, hält Aus- sagen wie„Mozart ist gut gegen Depressionen" für Quatsch. 
„Wenn man eine schwerstdepressive Frau hat, die nichts mehr vom Leben erwartet, dann kann man keinen Beethoven vorspielen, sondern muss sich einfühlen" sagt Professor Karl Hörrnann, Leiter der wissenschaftlichen Weiterbildung Musiktherapie an der Universität Münster. Deshalb ist es oft sinnvoller, dem Patienten nicht Musik aus der Konserve vorzuspielen, sondern als Therapeut selbst zu musizieren. Dabei wird durch Improvisation die Stimmung des Patienten in Musik umgesetzt. Danach wird über die Gefühle, die der Patient beim Hören empfunden hat, gesprochen. 
Neben der beschriebenen „rezeptiven" Musiktherapie gibt es die aktive Musiktherapie, bei der der Kranke selbst zum Instrument greift. Musikalische Vorkenntnisse sind dafür nicht notwendig, denn es werden Instrumente verwendet, die jeder spielen kann - wie Glockenspiele oder Trommeln. Der Patient hat so die Möglichkeit, Unausgesprochenes durch Stimme, Klang und Rhythmus mitzuteilen und zu erleben. Dadurch kann der Therapeut oft mehr über den Patienten erfahren, als im Gespräch. „Ebenen der Psyche, die ich mit Sprache nicht erreiche, erreiche ich mit Musik", sagt Mecklenbeck. 
Beim gemeinsamen Musizieren kann der Therapeut den Patienten in eine bestimmte Richtung lenken und so Veränderungen seiner Gefühle und Verhaltensweisen bewirken. Musiktherapeuten müssen nicht nur musikalische Fähigkeiten haben, sondern brauchen auch eine psychologische Ausbildung, denn nach dem Musizieren wird das Gespielte besprochen und analysiert.
Musiktherapie eignet sich beispielsweise für die Behandlung von psychiatrischen und psychosomatischen Erkrankungen, von Suchtkranken und Komapatienten, von Entwicklungs- und Verhaltensstörungen im Kindesalter, kann aber auch alten Menschen, unheilbar Kranken und Sterbenden helfen. Menschen, die sich auf Grund einer Behinderung oder Krankheit nicht verbal verständlich machen können, verleiht Musik eine Sprache und führt sie so aus der Isolation.
„Musiktherapie kann aber auch schaden, wie jedes Medikament", sagt Frauke Schwaiblmair, Musiktherapeutin und Diplom-Psychologin aus München. Bei einer akuten Psychose eigne sich Musiktherapie nicht, weil sich der Psychotiker durch Musiknoch mehr verlieren und aus der Realität flüchten könne, so Mecklenbeck. Krankenkassen bezahlen eine ambulante Musiktherapie nicht, denn sie ist noch keine wissenschaftlich anerkannte Heilmethode. Ein Großteil der rund 1800 Musiktherapeuten in Deutschland arbeitet jedoch in klinischen Institutionen. Dort wird Musiktherapie im Rahmen des Aufenthalts angeboten. Die Behandlung in einer freien musik-therapeutischen Praxis kostet zwischen 80 und 150 Mark pro Behandlungseinheit. Man sollte darauf ach- ten, dass der Therapeut eine staatliche Ausbildung hat, denn „es laufen sehr viele Dilettanten rum", warnt Professor Hörmann.
\Ion einer Selbsttherapie mit Entspannungskassetten raten alle Experten ab. „Therapie findet nur dann statt, wenn hinterher zu einem Gespräch kommt", sagt Mecklenbeck „Mit Entspannungs- und Meditationsmusik wird viel Schindluder getrieben, von Leuten die keine Ahnung haben" ergänzt Hörmann, Solche Kassetten könnten eventuell sogar schaden.
Informationen: Deutsche Gesellschaft für Musiktherapie, Libauer Straße 17, 10245 Berlin (Tel.: 030/294 934 93, Internet: 
www.musiktherapie de).

 

 
Förderung des Singens
Der Frankfurter Professor Dr. Hans Günther Bastian hat fünf „zeitkritische und kulturpolitische Gedanken" zum Thema „Chorgesang heute und morgen" ausführlich erläutert (Zusammenfassung in knapper Form):
GEDANKE 1: Chorgesang ist „nicht vom Aussterben bedroht. Noch singen Millionen, darunter eine stattliche Anzahl „Jugendlicher". Öffentliche Medien und Politik aber nehmen sie, wenn überhaupt, nur am Rande zur Kenntnis.
Nach der Statistik engagieren sich etwa acht Millionen Menschen im Bereich der Laienmusik. Laienmusik ist „musikalische Breitenbildung", sie bietet eine einzigartige Chance zu kultureller Selbstverwirklichung. Zugleich aber wird dieses Angebot permanent bedroht durch fortwährende Streichung von Kulturmitteln, durch finanziellen Druck auf Musikschulen, durch Einsparungen beim Musikunterricht in der Schule. Bastian kritisiert Entwicklungen, bei denen Kultur „verkommt zum Starkult": München etwa lässt sich drei berühmte Dirigenten pro Jahr ca. acht Millionen Mark kosten. „Spätestens hier bricht das Unlautere in der politischen Gewichtung von massiv subventionierter Privilegienkultur einerseits und schnell übersehener Laienkultur andererseits auf. Man fragt sich: Haben wir auch morgen noch engagierte Chorsänger, die Kultur selbst in ihre Stimme nehmen?"
Mit einem kurzen Zwischenspot weist Bastian darauf hin, dass die acht Millionen Laienmusiker inklusive ihrer Familienmitglieder allein schon ein Wählerpotential ausmachen, das locker die Fünf-Prozent-Hürde überspringen" könnte - also eigentlich eine eminente politische Größe.
Warum keine „Musikhilfe"?
Es gibt, so die weitere Bestandsaufnahme, eine Deutsche Sporthilfe, nicht eine Deutsche Musikhilfe. Es gibt einen Sportausschuss im Bundestag, nicht einen Musikausschuss, auch nicht in irgendeinem der Landtage. Es gibt Hunderte Trainings- und Betreuungszentren für Sportler, „dagegen kaum Fortbildungs- und Betreuungsstätten für Laien- und Profimusiker. Und dass jede deutsche Medaille bei der Winterolympiade von Nagano zuvor zehn Millionen Mark an Fördermitteln gekostet hat, dass also insgesamt 29 Medaillen für 290 Millionen Mark errungen worden sind, macht Bastians Ausruf verständlich: „Subventionen für die Musik sind da wahrlich Peanuts". Man müsse, schließt Bastian diesen Punkt ab, aufpassen, „dass wir aus einem Bildungsstandort keinen Bildungsschandort machen, dass der Bildungshorizont der Menschen nicht von Bildzeitung und Bildröhre begrenzt wird".
GEDANKE 2: Elternhaus, Kindergarten und Grundschule vernachlässigen das Singen und Musizieren so, dass zunehmend Kinder für musikalische Aktivitäten etwa im Chor gar nicht zu gewinnen sind. Singen und Musizieren als Existential für mehr Lebensqualität werde für viele nicht mehr erfahrbar.
Bastian diagnostiziert: Familien „lassen" singen - da hilft die Weihnachts-CD mit den drei Tenören über eigene anerzogene Versagensängste und Peinlichkeitsempfindungen hinweg. Und in der Schule wird das Kind als vermeintlicher Brummer „mit vier Jahren Einzelhaft an der Triangel bestraft". Solche „Karrieren" sorgten dafür, dass ein junger Mensch für die Musik verloren und für den TV-Sender VIVA geboren" werde.
GEDANKE 3: Kinder verlernen die Freude am Singen und Musizieren auch, weil Medien, Gesellschaft und Schule das Erleben und Erlernen von Musik eher verhindern.
Erstens die Medien: Die Preisträger aus Chor- und Orchesterwettbewerben         kennt dort kaum einer, in den Unterhaltungssendungen kommen sie nicht vor. Bilder von Chortreffen, internationalen Festivals - fast ausnahmslos Fehlanzeige. So fehlt der mediale Anstoß für junge Menschen, das Singen auch einmal selbst aus- zuprobieren. Und selbst, wo „Volksmusik" draufsteht, sind fast sicher leistungsfähige Chöre nicht dabei, stattdessen „Edel-Kitsch der Marke Hellwig". Kinder werden zu Opfern einer „musikalischen McDonaldisierung". Den Erwachsenen droht, so Bastian, bei immer mehr Fernsehprogrammen „der digitale Rinderwahn".
Nur Ermutigung zum „Selbersingen“ und Musizieren könne jungen Menschen die Erkenntnis vermitteln: Ich kann was, ich bin was. „Singen und Musizieren erscheint mir als Königsweg, die Autonomie der Erziehung wieder von den Medienmächten zurückzuerobern. Am Ende könnte dann, bildlich gesprochen, jeder sein eigener Walkman sein".
Schule und Gesellschaft aber sind laut Bastian auf dem entgegengesetzten Weg: Sie haben Freiheit und Selbstverwirklichung auf dem Programm und laufen Gefahr, Erziehung abzugeben an kommerziell gesteuerte Medien. Ergebnis einer Studie, 53 Prozent der jungen Deutschen glauben, auf der Welt zu sein, „um das Leben zu genießen". Nur jeder Neunte denkt, es gehe darum, „Gutes zu tun". Sozialer Zusammenhalt, kulturelle Identität geraten ins Hintertreffen vor lauter Ego-Trips. Es wird von einem Jugendlichen berichtet, der auf dem Weg zur Probe seine Geige in einem Tenniskoffer versteckt hat - aus Angst, sonst von Mitschülern gehänselt zu werden.
Wo die Schule selbst noch Musik anbietet, verfehlt sie oft die Sprache ihrer „Kunden", der Schüler. Was Freude machen soll, Begeisterung und eigenes Engagement wecken, wird zur Tortur verformt. Singen wird zur lästigen Pflicht, die man dann frühestmöglich abwählt.
Vereine sollen neue Form suchen
GEDANKE 4: Gesangvereine müssen selbst um neue Formen und Inhalte bemüht sein, um überleben zu können.
Stilvolle Konzertgestaltung, solide Stimmbildung, wachsende Leistungsansprüche und Leistungsbereitschaft - das sind Erneuerungstendenzen, die Bastian in den Chören zunehmend vorfindet. Immer mehr Jugendchöre, viele Projekt-Chöre, das sind neue Formen, die aus der kritischen Haltung Jugendlicher gegenüber dauerhafter Vereinsbindung entstanden sind. So rät Bastian allen um Zukunft bemühten Chören, die eigenen Strukturen entsprechend zu überprüfen nach einem Wort Willy Brandts: „Wer das Bewahrenswerte bewahren will, muss verändern, was der Erneuerung bedarf.“
GEDANKE 5:   Laienmusik muss hin zum Innovationsprinzip. Nicht jeder kann im Verein jedes kulturelle und soziale Interesse befriedigen, und auch das Potpourri-Prinzip der Programme sollte durch Verbindlichkeit und klares Profil ersetzt werden.
Vereinsspitzen sollten die Hierarchie abbauen und ersetzen durch Teamarbeit von Sachkundigen. Nur so gelinge Chor-Marketing.
Weitere Vorschläge:

- Ein Öffentlichkeitskoordinator muss her, der Termine abstimmt, Programme veröffentlicht,  Sponsoring einwirbt, die Vereinszeitschrift mit dem eigenen PC gestaltet etc.

-     - Ein Chor, der Leistungen anzubieten hat, sollte sich selbst gegenüber den örtlichen Sparkassen, Banken, Kommunen und Wirtschaftsunternehmen ins Gespräch bringen - Sponsoring kann helfen, den besseren Chorleiter, die bessere Bühnentechnik, den berühmteren Solisten zu finanzieren.

 
Hauptsache - MUSIK

Bei seiner Generalversammlung am 27. Oktober in Berlin hat der Deutsche Musikrat das Startzeichen für eine langfristige bundesweite Dachkampagne gegeben. Sie wird unter dem Titel HAUPTSACHE: MUSIK Veranstaltungen und Aktivitäten ihrer 90 Mitgliedsverbände vernetzen und die öffentliche Wahrnehmung für diese Aktivitäten verstärken helfen. Dabei geht es um den musik-pädagogischen Ansatz: Jugend soll an die Musik herangeführt und an ein Leben mit Musik gewöhnt werden. Damit wird die gesellschaftspolitische Relevanz dessen, was Solisten, Chöre und Orchester leisten unterstrichen - was möglicherweise zu stärkerer Unterstützung durch Stifter und Sponsoren führen kann und wird.

Die herausgehobene gesellschaftspolitische Bedeutung können kommerziell und professionell organisierte Musikensembles natürlich ebenso für sich in Anspruch nehmen wie jene, die Musik und Musikerziehung zu einer wichtigen Freizeitbeschäftigung gewählt haben. (Deutscher Sängerbund mit über 1,8 Millionen Mitgliedern, darunter mehr als 700.000 aktive Sängerinnen und Sänger).

Worum es bei HAUPTSACHE: MUSIK geht, wird deutlich in einer „Charta Musikalische Bildung", die in Berlin verabschiedet wurde. „Der Deutsche Musikrat sieht diesen Stand musikalischer Bildung wie auch das Image 'Musikland Deutschland' durch Defizite in der Breitenbildung gefährdet." Die „Charta Musikalische Bildung" formuliert in zehn Punkten unter anderem dies: „Musikalische Bildung ist zentraler Bestandteil allgemeiner Bildung, denn

  sie vermittelt innovative Schlüsselqualifikationen: Kreativität, Phantasie, Gestaltungsvermögen

   sie unterstützt die Entwicklung der Intelligenz, der Konzentrations-, Koordinations- und Abstraktionsfähigkeit

  sie fördert soziale Kompetenz und leistet einen Beitrag zum sozialen Frieden

  sie steigert Erlebnis- und Ausdrucksfähigkeit und verbessert damit die allgemeine Lebensqualität

  sie erschließt Musik als menschliche Kommunikation und wirkt der verbreiteten Vereinsamung und Sinnleere vieler Menschen entgegen (je früher, umso nachhaltiger)

  sie prägt die Persönlichkeit positiv

  sie leistet in der Informations- und Medienwelt einen Beitrag zur Mündigkeit des Menschen.

 

Nachtrag zum Thema Hauptsache - MUSIK

Eher zufällig habe ich kürzlich eine Fernseh-Aufzeichnung gesehen: Britanniens Rock-lkone Elton John sang in New Yorks Madison Square Garden. Der Mann mit dem schrillen Outfit brachte rund 20 000 Menschen auf die Beine - und ans Mitsingen. Man sah und hörte, wie sie voller Inbrunst „schmetterten". Ganz junge, mitteljunge und schon ziemlich ältere Damen und Herren -  Singen verbindet - auch so! Und das ist schon mehr als purer Musikkonsum, den alle heute beklagen. Wahrheit ist: Die Menschen singen im Auto mit, beim Karaoke in der Disco singen sie, und sie singen immer noch in ihrer Badewanne. Sie spüren, wie Singen manchmal befreien kann. Und glücklich machen.

Der Blick auf den Fernsehschirm hat mich daran erinnert, was neben anderem die Musik zur Hauptsache in unserem Leben macht: Es ist die Emotion, die da angetickt wird. Die Emotion, die sich nicht in die Schubladen von „E" oder „U", von ernstzunehmender oder seicht unterhaltender Musik einordnen lässt, sondern die unaufgefordert und von Kulturkritik unberührt kommt oder auch wieder geht. Wenn wir Musik wieder zur Hauptsache machen wollen, müssen wir auch eine Sprache und eine Gedankenführung suchen, der möglichst alle Menschen zu folgen vermögen. Gedanken und eine Sprache, die der Rührung und der Begeisterung als Element unserer Emotionen Raum geben. Wer Musik als Musik liebt (und deshalb nur zwischen anspruchsvoll und weniger anspruchsvoll, gut gemacht oder weniger gut gemacht unterscheidet), wer Emotion als Emotion respektiert und nicht in „gute" (Beethoven) und „schlechte" (Elvis Presley) unterteilt - der hilft der „Hauptsache Musik" weiter.

Wer dann noch Klarheit darüber schafft, für welche Musik präzise er sich einsetzt (allein die aus der Tradition überkommene oder auch diejenige, die sich in dieser Zeit als Abbild unterschiedlicher Strömungen neu bildet), der öffnet der „Hauptsache Musik" neue Schleusen. Denn er gibt Auskunft über das „Wie" und das „Was" und macht damit möglich, dass Menschen mit dem Kopf und dem Herzen dabei sein können. Dann sicherlich auch wieder verstärkt in den Chören. (Peter Lamprecht)

 

 

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend fördert eine neue Aktivität der Chorjugend im DSB. Der o.a. Slogan soll als Alternative gegen Hass, Gewalt und Drogenmissbrauch werben.

Mit 100.000 Postkarten, die an die Sängerkreise und Chöre verteilt werden, wird eine Idee verwirklicht, die beim Jugendforum „fit for top“ als Reaktion auf fremdenfeindlichen Gewaltübergriffe und allgemeine Tendenz zur Rohheit in Teilen der Jugend ausgearbeitet worden ist.

Jugendliche können die Postkarten verschicken und damit werben für die Alternative: Freizeit sinnvoll gestalten durch Singen in der Gemeinschaft, damit zugleich eine neue Saat legen für die Weiterentwicklung der Chorkultur in Deutschland bis in die nächsten Generationen hinein.

 

 

 

Nein, nicht schon wieder Englisch - oder ...

Ein Sprachen-Problem verunsichert viele in den Chören: Ist es eigentlich nötig, dass "junge" Chormusik so häufig in der Muttersprache von Rock, Pop und Jazz daherkommt ? Rudolf Rolli aus dem Chorjugend-Vorstand erläutert die historischen Quellen und plädiert für einen unverkrampften Umgang mit dieser Frage.

"Nein, nicht schon wieder Englisch!" - sicherlich werden sich all diejenigen in diesem Satz finden, die zum x-ten Male, vielleicht sogar erst bei der Weihnachtsfeier, beim Neujahrskonzert oder beim Geburtstagsständchen für den Jugendsprecher beklagt haben, dass der Kinder- und Jugendchor schon wieder seiner Lieder in Englisch vorträgt.

Einesteils ist diese Einstellung je nach Situation versteh- und nachvollziehbar, andererseits aber macht sie - abgesehen davon, dass es auch Uneinsichtige gibt - eine Wissenslücke offenbar, die die nachfolgenden Ausführungen schließen sollen und die als solche um die wohlwollende Beachtung des Lesers/Leserin bitten.

Es sind inzwischen an die 300 Jahre vergangen, seit nach Amerika ausgewanderte Europäer dort als Siedler es zu Geld und Reichtum gebracht hatten und begannen, aus Afrika Schwarze zu verschleppen, die als Sklaven auf deren Plantagen arbeiten mussten - wehrlose, entrechtete Menschen, die nur ihr nacktes Leben mitgebracht hatten; aber auch ihre Mentalität, ihr Empfinden, ihre Veranlagungen, Neigungen und Talente und vor allem eine Musik, die durch einen außerordentlichen Rhythmus geprägt ist, deshalb hauptsächliche auf Schlaginstrumenten ausgeführt wird und fast immer die ganze Gruppe erfasst, die sich ihrerseits durch Klatschen, Stampfen, Singen und Tanzen musikalisch einbringt. So trafen auf nordamerikanischem Boden zwei Kulturen aufeinander, die sich allmählich kulturell vermischten und durch Akkulturationsvorgänge eigenständige Formen "schwarzer" Musik gefunden haben, die schließlich im Jazz einen weltweit anerkannten Höhepunkt erreicht haben.

Spirituals fanden früh "chorähnliche" Ausdrucks-Formen

Von diesen Formen afroamerikanischer Musik sind verhältnismäßig früh die Spirituals (die Neuschöpfungen des 20. Jahrhunderts heißen Gospels) bekannt geworden, die geistlichen Gesänge der Schwarzen, eine Symbiose aus angelsächsich-protestantisch geprägtem Kirchenlied, religiösen Einflüssen Afrikas und afrikanischer Musik. Sie wurden bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts kompositorisch gefasst und in europäisierten, mehrstimmigen Sätzen konzertant dargeboten und durch "schwarze" Ensembles und Chöre (u.a. Jubilee Singers, Golden Gate Quartett) auch in Europa bekannt, zumal Form und Struktur der Spirituals im Dialog von Vorsänger und Gruppe (Call-and-Response-Prinzig) einer chorischen Aneignung recht schnell nahe kommen.

Und wenn man jetzt zum ersten Mal die Frage nach der Sprache der Gesänge stellt, ergibt sich die Antwort wie von selbst: Englisch - was denn sonst!

Die Schwarzen haben natürlich nicht nur in der Kirche gesungen, sie sangen auch bei der Arbeit - so entstanden ihr Worksongs - und vor allem im Alltag, wo sie den Blues als vokales Ventil ihrer Sorgen, Nöte und Unterdrückung kreierten; der Blues als weltliches Klagelied der afroamerikanischen Bevölkerungsschicht Nordamerikas. Und wieder die Frag nach der Sprache: Englisch - was denn sonst!

Von Form, Anlage und Struktur her ist der Blues die einstimmig vorgetragene vokale Ausformung einer klagenden Einzelstimme und insofern für eine chorische Darstellung weniger geeignet. Dafür aber ist der Blues zu einer Keimzelle geworden, von der über den Boogie-Woggie und Rhythmus & Blues ein direkter Weg zum Rock'n Roll und der sich daraus ergebenden weiteren Entwicklung der Pop-Musik in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts führt.

Nach dem Weltkrieg II nahm die gewisse Jugend Notiz

Als in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg viele Schwarze wegen besserer Verdienstmöglichkeiten in die Nordstaaten zogen, nahmen sie auch den Blues mit, der bald im Umfeld und Getriebe der "City" eine Veränderung erfuhr. Er wurde - namentlich in Chicago - "verstädtert", wurde schneller, lärmender, vitaler und verband sich mit tanzbaren Rhythmen, eine Musik, die durch die inzwischen elektrisch verstärkten Gitarren auch Massen unterhalten konnte und als symbolischer Ausdruck eines Zusammengehörigkeitsgefühls von rassisch Diskriminierten interpretiert werden konnte. "Musik von Farbigen für Farbiger" - abfällig "race music" - Rassenmusik - genannt, ein auch für viele Deutsche jener Zeit gängiger Begriff. Weder Schallplatte noch Rundfunk nahmen sich dieser Musik an, so dass die euroamerikanische Bevölkerung kaum von ihr Notiz nahm, auch die weiße Jugend der USA hatte zunächst kaum Kontakt zur "schwarzen" Szene; sie war mit dem üblichen Angebot an Country & Western und Schlagern zufrieden - noch!

Die änderte sich aber nach dem 2. Weltkrieg recht bald, als viele vermeintliche Vorbilder ihre Autorität verloren und die USA-Jugend begann, Traditionen zu hinterfragen, aufzubegehren und das Establishment in Frage zu stellen. James Dean war zum Idol geworden, zur Identifikationsfigur all deren, die aufmuckten und sich nicht mehr alles gefallen lassen wollten. Parallel hierzu drehte sich auch der Anspruch, den weiße Jugendliche an die Unterhaltungsmusik ihrer Zeit stellten: sie fanden die Schlager schnulzig und langweilig, deren Texte verlogen und wirklichkeitsfremd. Dagegen fanden sie immer mehr Gefallen am "Rhythm & Blues", an der Musik, die die Schwarzen pflegten, und fingen an sie nachzuspielen. Sie vermischten allmählich die ihnen geläufigen Schlager- und Country & Western-Patterns mit den Rhythmen der von den Schwarzen kreierten Musik, bis schließlich der ehemaligen Country & Western-Sänger Bill Haley auf solch musikalische Weise mit seinem Hit "Rock around the clock" den Rock'n Roll geschaffen hatte. Eine Musik, die wie ein Fanal wirkte und weltweit wie ein zündender Funke von der Jugend aufgenommen und verstanden wurde. Und nachdem für die Szene mit Elvis Presley die entsprechende Idolfigur gefunden war, begann der Siegeszug eines Musikstils, in dem die Jugend weltweit ihre rebellische Stimme gefunden hatte, überhöht noch durch die "Beatles" - die europäische Antwort auf die amerikanischen Rockkreationen. Hitparaden stellten die neuesten Aufnahmen vor, eine ganze Medienlandschaft lebte und lebt davon. Und die Sprache dieser Musik: natürlich Englisch - was denn sonst!

Diese Art von Musik war nicht nur die Geburtsstunde einer kulturellen Revolution der jungen Generation mit Musik als Transportmittel von Ansichten, Einstellungen und auch politische Informationen, sie ist weit mehr noch zum Refugium, zu einer Insel geworden, auf die sich eine inzwischen skeptischer gewordene Teenager- und Twen-Generation zurückziehen und eine Musik hören konnte, die die Erwachsenenwelt, die ihrerseits im Selbstverständnis der Jugend keine Autorität mehr beanspruchen konnte, nicht akzeptiert. Jugendliche suchen Räume, in denen sich die Erwachsenen nicht wohlfühlen und Abstand nehmen müssen von ihren eigenen Maximen und Forderungen. Sie wollen in eine Gegenwart abtauchen, die sich von der Erwachsenenwelt abhebt.

Lautstärke, Rhythmik und Sprache machen den Unterschied

Dazu müssen Barrieren aufgebaut werden: Kleidung, Haartracht, provokative Sprache und Verhalten und vor allem eine Musik, die völlig anders ist und durch eine überdrehte Lautstärke an sich schon eine akustische Barriere gegen die Erwachsenenwelt darstellt, eine Musik von teilweise recht einfacher musikalischer Substanz, aber immer von spannungsgeladener Rhythmik und mitreißender Kraft, eine Musik, die motorisch aktiviert, das oben beschriebene Bewegungsbedürfnis ihrer schwarzen Herkunft mit einbezieht, eine Musik mit einer Attitüde von Protest, Extravaganz und Subkultur und die klang-interpretatorisch vom Sound der englischen Sprache lebt. Die "Neue deutsche Welle" kann nicht als Gegenbeispiel gelten, sie hatte schnell an Kraft und Wirkung verloren. Eine Musik also bestimmt das Lebensgefühl der Jugend, die - ob in Amerika oder Europa - ihre Wurzeln im englischsprachigen Raum hat. Und damit beantwortet sich die Frage nach deren Muttersprache von selbst: Englisch - was denn sonst!

Die Generation, die heute in unseren Kinder- und Jugendchören singt, ist mit dieser Sprache vertraut; in Hauptschule, Realschule und Gymnasium gehört Englisch zum Fächerkanon. Und immer häufiger wird sie schon in der Grundschule gelehrt.

Ob nun Spirituals, Gospels, Pop-Song oder Jazz - Englisch ist nun einmal deren Sprachidiom. Daraus ergibt sich: Englisch - was denn sonst?

 

 

Bundespräsident Rau lobt Bildung aller Sinne

Bundespräsident Rau hat in Halle Saale im Rahmen der Tage der Laienmusik die erste ZELTER- und die erste PRO MUSICA-PLAKETTE des Jahres 2003 verliehen. Sie gingen an den 1116 begründeten Stadtsingechor zu Halle und an den Mandolinen- und Gitarrenv erein Karlsruhe von 1903. Die Auszeichnungen. die v on Raus Vorgängern Theodor Heuss und Heinrich Lübke gestiftet wurden, werden alljährlich engagierten Laienmusik-Ensembles zuerkannt, die mindestens 100 Jahre lang musikalisch aktiv gewesen sein müssen. In diesem Jahr werden insgesamt 158 ZELTER- PLAKETTEN an Chöre und 3 PROMUSICA-PLAKETTEN an Instrumental-Ensembles verliehen.

In seine Ansprache betonte der Bundespräsident die Bedeutung des Laienmusizieren in Deutschland, bei dem sich rund sieben Millionen Menschen aktiv engagieren. Es sei wichtig, dass Musik nicht nur aus den Medien komme, "sondern dass wir sie selber machen“. Besondere Zustimmung fand er mit seinem Hinweis "Die Pisa-Studie ist missverstanden, wenn wir jetzt das Pauken anfingen und das Musizieren und den Kunstunterricht  und den Sport kleinschreiben und ausfallen lassen ... Man muss Naturwissenschaften pflegen und Geisteswissenschaften fördern.. Aber wer glaubt, das gehe, wenn man bei Musik und Kunst und Sport kürzt, der hat nichts erstanden, was das Ziel von Bildung ist"

Rau ging auch auf die aktuelle politische Situation ein, mahnte zum Frieden in der Welt und dazu, Hass und Gewalt abzuschwören. Das gelte auch bei einem Musikfest, und darum finde er es richtig und nötig, engagierte Friedenstexte zu Gehör zu bringen: "Das muss gesagt und gesungen werden. Ich wünsche mir, dass wir als Deutsche dazu einen Beitrag leisten können.“

Die bildungspolitische Bedeutung von Singen und Musizieren betonte bei der gleichen Veranstaltung auch Sachsen-Anhalts Kulturminister Olhertz. Gerade unser Informations- und Medienzeitalter gehe einer paradoxen Verminderung des menschlichen Ausdruckspektrums einher; vieles drohe hinter der Dominanz des Visuellen zu verschwinden. Einiges aktives Musizieren hingegen könne "sinnliche Erfahrung, das Gefühl von Transparenz, für Verbindung und Zusammenhang" eröffnen, und das "gerade in der sich immer stärker ausdifferenzierenden, aber eben auch zerstückelten Lebens- und Erfahrenswelt Heranwachsender".

 

 

Die Zukunft der Gesangvereine

Von Verzerrungen, Faxen und der ungeschminkten Wirklichkeit aus den Weg nach vorn finden

Die Diskussion hat 2003, im Jahr des 20, DSB-Chorfestes, viele im Verband beschäftigt: Worin legt die Zukunft unserer Chöre? Peter Lamprecht versucht das Thema aus seiner Sicht neu aufzurollen,

1. Persönliche Vorstellung des Autors in Stichworten: Politischer Zeitungskorrespondent m Hauptberuf, zusätzlich seit Ende 1991 (Vorfeld des 19. Chorfestes in Köln) beim DSB. Der Kontakt kam über meinen Verein zu Stande. Denn ein Chorverein ist der einzige Verein, an dem ich hänge und dem ich angehöre — zeitweise mit der Funktion des Pressebeauftragten, ansonsten als förderndes Mitglied. Insofern bin ich befangen wie jeder andere, der dieses Thema diskutiert,

2 Zur Sache: Viele von uns erinnern sich an die TV-Reportage unter dem Titel Du lieber Herr Gesangverein. Viele waren und blieben entrüstet, weil dort das Klischee vom schlecht singenden aber umso besser Bier konsumierenden Sangesvolk Urständ feierte. Wir werden allesamt nicht müde, dagegen eine Art Igelhaltung einzunehmen: Zusammenrollen, Stacheln raus und warten, bis der Angriff vorüber ist. Und danach singen wir als Kontrastprogramm gern öffentlich das Hohelied vom Verein als Kulturträger, klagen aber auch oft im gleichen Atemzug über den Schwund an singenden Männern, der dann als Chorsterben öffentlich plakatiert wird.

Sie bemerken schon: Da werden unverdrossen Apfel und Birnen addiert, Widersprüche und vor allem ungefilterte Stimmungslagen nebeneinander her nach außen getragen. Und dann auch noch dies: Während hier die Grundsatzfrage der Organisation unserer gemeinsamen Zukunft diskutiert wird, erlebte auf unserem Chorfest erstmals eine aus schließlich aufs Chorleben projizierte Theateraufführung ihre Premiere. 'Chorprobe‘ heißt das Stück. Es war ausdrücklich als Farce angekündigt. Diese Farce handelt, überspitzt natürlich, von der Gegenwart in einem Verein, wie sie mancher von Ihnen eventuell sogar wieder erkennen könnte, Nach der Zukunft fragt in dieser konkreten Gegenwart keiner wirklich Die Geschichte: Der Chorverein erfährt in der Probe, dass er eingeladen ist, für den Bürgermeister zu singen. Allerdings ein unglaublich kindisches Lieblingslied des hohen Herrn. Aber zum Dank für Willfährigkeit winken zwei verlockende Aussichten: Erstens eine Amerika-Reise für alle, die der Bürgermeister ausschreibt, Und zweitens, was im Effekt noch mehr innere Bewegung im Chor auslöst, winkt der Besuch eines Fernsehteams beim Auftritt vor dem Bürgermeister. Zwei Prämien also, auf die wohl jeder Chor scharf wäre. Was man am seltensten bekommt, ist nun mal am heißesten begehrt: Die Chance, im Fernsehen wahrgenommen zu werden -  dem Feierabend-Medium Nummer eins an den meisten Tagen, die nicht mit Chorproben belegt sind.

Solche Verlockungen enthemmen — den Vorstand, die Sänger, sogar den kunstbeflissenen Chorleiter. Die Menschen in der „Chorprobe lassen bildlich gesprochen die Hüllen fallen: Dieser Verein lebt jetzt nicht mehr für die Kunst, er gibt sich letztlich selbst auf, weil alle gemeinsam gierig gemacht worden sind.

Da tauchen Typen auf, wie man sie wohl in jedem Verein kennt: Die Rechthaber und die Beleidigten, die Unterbrecher, die keinen ausreden lassen, Diejenigen, die sagen: das hatten wir noch nie. Und die anderen, denen es entfahrt: Das machen wir wie immer.

Eine Farce eben. Aber eine, so farcenhaft wie manchmal das richtige Vereinsieben auch. Das Beispiel zeigt uns: Vereine sind Zusammenschlüsse von Menschen. Also behaftet mit aller Fehlern, die Menschen haben. Und dann sind Vereine eben auch die Summe solcher Einzelfehler. Wenn daraus wird, was diese Farce erzählt, dürfen wir sicher sein: Ein solcher Chorverein hätte seine Zukunft hinter sich. Denn Zukunft hat nur, wer zumindest in der Gegenwart seine Identität klar definiert und seine Ziele deutlich ausrichtet. Professor Albrechts Beitrag in Lied Chor 2003 hat uns bewusst gemacht, mit welchen Bedingungen sich ein Chorverein bei seiner ldentitätssuche und Zielfindung heute auseinander zu setzen hat:

• Mobilität ist im Berufsalltag zwingend notwendig. Das macht die Leute zugleich weniger sesshaft,

• lndividualisierung zieht sich durch alle Bereiche des Lebens, vor allem im Privaten. Das macht die Leute weniger bereit, sich ein zu ordnen oder gar sich zu verpflichten. Der noch so modern auftretende Chorverein aber verlangt streckenweise das Gegenteil: Verlässliche Anwesenheit, sowohl bei den Proben als auch erst recht bei den Auftritten. Und dazu Integration in ein soziales und künstlerisches Gefüge, was auch Einordnung bedeutet und Zurücknehmen des Ich zu Gunsten des Wir.

Das mag an vielen Stellen noch reibungslos funktionieren. Aber ich behaupte und stelle zur Diskussion: Wo es nur und ausschließlich so funktioniert, ist die Zukunft des Vereins schon gefährdet. Weil ein solcher Verein sich zu sehr auf sich selbst und die überkommenen Strukturen bezieht. Weil er selbst und seine Zwänge und Rituale eigentlich die erste Geige spielen und dabei das Sinnstiftende, die gemeinsam erarbeitete Musik, ins Hinter treffen zu geraten droht. Weil schließlich und drittens die Struktur dieses Vereins über Gesetz und Satzung so fest gezimmert ist, dass es schwer werden mag, junge Leute einzubinden. Erst recht, die Jungen so zu begeistern, wie das notwendig wäre, um Ihnen auch noch die Mühen ehrenamtlicher Mitarbeit schmackhaft zu machen.

Man mag das ignorieren, man mag es beklagen — aber die Entwicklung in allen größeren Organisationen, in Parteien und Gewerkschaften, Kirchen und Sportverbänden, weist an dieser Stelle in immer die gleiche Richtung. Und dass allein das Lied uns alle so zusammen zu binden vermöchte, dass die Einflüsse von Außen an uns abperlen wie Regen an fabrikneuem Autolack — das vermag ich nicht zu glauben.

„Alles verzerrt“, entgegnen hoffentlich manche unter Ihnen. Wer das Eröffnungskonzert des Chorfestes 2003 gehört hat, weiß: So viel Klasse hat bestimmt Zukunft. Und schließlich sind alle, die da gesungen haben, Mitglieder eines Vereins. Ebenso wie die vielen, die anderswo in Berlin und in ganz Deutschland bewiesen haben, dass Chormusik an sich Zukunft hat — wie es auch Professor Albrecht geschrieben hat. Aber vielleicht braucht diese Musik, brauchen vor allem die Jungen, die sie am Leben erhalten und weiter entwickeln sollen, eine neue Hülle.

Vielleicht brauchen sie Ersatz für die alten Satzungen, vielleicht Offenheit für neue Formen der Gemeinschaft. Vielleicht kann man Vereinszugehörigkeit mobiler gestalten — ein Verein mit „Filialen“ an mehreren Orten etwa ist denkbar.

Vielleicht macht besonders viel Sinn, was an Reformen derzeit im DSB vorbereitet wird:

Dienstleistungen aus einer modern ausgerüsteten Verbandszentrale, die Ehrenamtlichen, wo immer sie gerade sind, per Internet bei der Arbeit helfen. Netzwerke zwischen Verein, Sängerkreis, Chorverband und DSB-Dach, also Organisationsformen, die Interessen zu einander zu bringen, Kräfte zu bündeln helfen. Eine eigene Organisation, die jenen eine Verbandsheimat und die Vorteile des Verbandsservice bietet, die nach ihrer Struktur oder ihrem Selbstverständnis nicht ins bislang starre Schema passen — auch die gehört viel leicht dazu.

 

 

Vergangenheit, die Zukunft ermöglicht hat: Sein 150jähriges Bestehen feierte der MGV Sterkrade. Mit Stargast Deborah Sasson bewies der Chor bei seinem Jubiläumnskonzert in Oberhausen: Er lebt, er hat die Kraft zum Weitermachen - einer von jenen vielen, die hoffen lassen.

 

 

3. Fazit: Ganz in meinem Innern bleibe ich Optimist: Unter den Menschen werden auch im Zeitalter der Internet-Sucht viele bleiben, die sich in Gemeinschaft wohler fühlen, viel leicht sogar mehr als derzeit noch, als allein vor dem heimischen PC-Schirm.

Wie wir an der Entwicklung unserer Kinder- und Jugendchöre ebenso wie in der Organisation der Chorjugend sehen, wächst da etwas nach, das die Musik liebt und ernst nimmt. Sogar sich einzubringen mit voller Kraft sind viele bereit. Wenn sie nur den Sinn akzeptieren können. Also suchen wir doch gemeinsam nach den tragenden Elementen der Zukunft:

• nach der Vereinsstruktur, in der man der starren Satzung Beine gemacht hat;

• nach dem Vereinsinhalt, für den sich fast jeder Einsatz lohnt — wie also gehe mit Musik um, welchen Stellenwert hat beispielsweise der Chorleiter, weIche Liedauswahl?

Nach der richtigen Ansprache für den hofften Vereinsnachwuchs

oft geht es da vor allem um die richtige Form der Mitsprache.

Nach den optimalen Vereins-Vorteilen: Was haben wir Vereinen schon zu bieten im DSB? Was — neben GEMA-Vertrag und Versicherungsangeboten, Fortbildungen und Informationsangeboten — können und sollten wir hinzu fügen, damit Vereinsleben leichter, bunter und verlockender werden kann? Diskussionsstoff genug also. Gehen wir‘s an in der Gewissheit, dass Totgesagte länger leben — hoffentlich auch die bereits totgesagte Gesangvereine.

 

 

Singen ist genauso gesund wie Meditation oder leichter Sport“

Eine Frankfurter Untersuchung hat erstmals an Laiensängern nachgewiesen, dass der Körper beim Singen physiologische Reaktionen zeigt: Er produziert zusätzliche Immunstoffe.

Im Institut für Musikpädagogik der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität standen in den letzten Wochen die Telefone nicht still. Eine unscheinbare Meldung im Universitäts-Nachrichtendienst hatte die Anruf-Welle ausgelöst — ein bislang ungekannter Medienansturm für den Musikpsychologen Dr. Gunter Kreutz, Privatdozent am Lehrstuhl des Professors Dr. Hans-Günther Bastian.

Was Kreutz samt einigen weiteren Kollegen so interessant für Medien von wissenschaftlichen Publikationen bis zur "Bunten" hat werden lassen, ist eine Untersuchung an Laienchor-Sängerinnen und -sängern. Eine Untersuchung unter dem verheißungsvollen Titel "Ist Singen gesund?", gefördert vom Deutschen Sängerbund. Wissenschaftlich exakt klingt die Frage so: "Gibt es physiologisch nachweisbare Gesundheitseffekte durch regelmäßiges Singen in Chören ?"

Das Ergebnis vornweg: Es gibt nachweisbare Effekte. Und das haben die Frankfurter Wissenschaftler weltweit zum ersten Mal am Beispiel singender Laien nachgewiesen.

Als Probanden wurden der Kirchenchor Griesheim und die Frankfurter Singgemeinschaft gewonnen. Insgesamt 31 Sängerinnen und Sänger haben innerhalb einer Woche zum einen das Mozart-Requiem selbst gesungen, zum anderen das gleiche Werk als CD-Aufnahme passiv angehört und da bei Wattebäuschchen zur Speichelaufnahme in ihren Mündern fünf Minuten vor und fünf Minuten nach den beiden Proben geduldet. Zudem haben die Probanden ihr emotionales Befinden in einem Fragebogen vermerkt.

Ähnliche Untersuchungen, teils mit und teils ohne physiologische Messungen, hatte es zuvor u.a. mit dem semiprofessionellen Universitätschor Oxford und mit professionellen Solo-Sängern gegeben.

In einem Punkt kommen alle diese Studien zum gleichen Ergebnis, wie Dr. Kreutz erläutert: "Aktive Singen fördert die Produktion des Stoffes Immuglobolin A im Speichel. Das ist der Stoff, der die oberen Atemwege vor Infektionen schützt.“ Für Kreutz ist damit nachvollziehbar, dass aktives Singen dem Immunsystem offenbar nützt. „Die Werte stiegen beim Singen signifikant an, beim Zuhören hingegen blieben sie in dieser Untersuchung unverändert.“ Die Untersuchung legt nahe, dass aktives Singen sowohl eher positive Gefühle weckt als auch eher die körperliche Immunabwehr aktiviert als das passive Hören von Musik.

Gesund gesungen -

500 junge Stimmen beim Abschlusskonzert des Chorfestes 2003 in Berline

 

 

 

Ergänzt man diese Erkenntnis um die bereits erforschten Bereiche, ergibt sich ein kompletteres Bild: Gesundheit wird von der Weltgesundheitsorganisation als „um fassendes geistiges, physisches und soziales Wohlbefinden“ definiert. Man weiß aber schon, dass aktives Singen dazu führt, dass sich Sängerinnen und Sänger "deutlich besser fühlen." Man weiß schließlich, dass Musizieren in Gemeinschaft allgemein die Fähigkeiten als "soziales Wesen" steigert. Alles zusammen bedeutet: Singen ist gesund - "mindestens ähnlich gesund wie Meditation, Laufen, leichter aber regelmäßiger Sport", resümiert Dr. Kreutz. "Eine Riesen-Schlagzeile,“ befand der medienerfahrene Professor Hans-Günther Bastian — und er nicht allein.

Zumal die physiologische Untersuchung an Frankfurter Laienchorsängern einen zweiten Befund ergeben hat: Cortisol, das so genannte Stress-Hormon, wurde eben falls beim aktiven Singen und beim passiven Hören untersucht. Hier reagieren Laiensänger anders als Profis: Während bei den Laien die Freude am Singen offenkundig den „Druck“ zur Leistung überwog, wes halb beim Singen die Cortisol-Werte nicht wesentlich angestiegen sind, ergab sich bei Profi-Solisten ein anderes Bild: Dort stieg der Stress auch während des Konzerts noch an. Profis reagierten dafür weniger gestresst, wenn sie zuhören mussten. Während an dieser Stelle die Laiensänger offen kundig unruhig wurden — „vielleicht, weil sie einfach lieber selbst singen,“ vermutet Dr. Kreutz in Frankfurt.

Während die Medien ihn bestürmen, blickt der Wissenschaftler allerdings eher kühl und gelassen auf sein Werk:" Eigentlich muss das der Anfang für weitere Untersuchungen werden.“ Kreutz denkt darüber nach, ob zusätzliche Studien nicht notwendig seien, um die physiologisch günstige Wirkung des Singens auf das finden bestimmter Gruppen nachzuweisen: "Ich könnte mit konkrete Auswirkungen auf die Behandlung verhaltensauffälliger und Iernschwacher Kinder ebenso vorstellen wie auf die Behandlung zum Beispiel von Menschen, die an Demenz leiden und im Gesang wohlvertraute Klänge wieder entdecken.“ Kreutz ist sicher: „Wir stehen erst am Anfang. Aber das Singen hat schon jetzt gewonnen.“